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Energiewende: Die deutsche Industrie muss sich bald nach dem Wetter richten

Autorenbild: Konrad Kilowatt
Konrad Kilowatt
4. Sept.
3 Min. Lesezeit

Kolumne von Konrad Kilowatt / 04.09.2026




Rückansicht eines Mannes mit zerzaustem Haar vor einer leuchtenden Glühbirne auf warmem Sepia-Hintergrund.

Es enthält Zündstoff, was die Onlineplattform «Apollo News» vor kurzem aufgedeckt hat: Die Bundesnetzagentur als deutsche Regulierungsbehörde für Elektrizität hat seit zwei Jahren heimlich am Aufbau einer «Sicherheitsplattform Strom» gearbeitet. Damit soll es möglich werden, Tausenden von Industriebetrieben die Stromzufuhr zu beschränken, wenn das Wetter nicht mitspielt.


Man habe «Verunsicherungen aufgrund der sensiblen Thematik» vermeiden wollen, begründete die Bundesnetzagentur die Geheimhaltung der Pläne. «Sensible Thematik» ist noch vorsichtig ausgedrückt. «Das ist der Todesstoss für die Industrie», brachte es Fritz Vahrenholt, Energieexperte und ehemaliger Umweltsenator von Hamburg, auf den Punkt.


Konkret will die Bundesnetzagentur energieintensiven Betrieben der Chemie-, Metall-, Papier- oder Lebensmittelindustrie mit einer Vorlaufzeit von gerade einmal 24 Stunden die Stromzufuhr begrenzen können – und das unter Umständen für mehrere Tage bis sogar Wochen. Denn so lange können sogenannte Dunkelflauten in Deutschland dauern: Phasen, in denen die Sonne kaum scheint und der Wind nicht geht. Dann liefern die vielen Solaranlagen und Windräder fast keinen Strom.


In Deutschland fehlt immer mehr die Grundlast

Für die Wirtschaft ist das eine Hiobsbotschaft, sind doch viele Industriezweige auf eine gleichmässige Stromversorgung angewiesen – ansonsten drohen Betriebsausfälle mit Umsatzverlusten oder sogar Schäden an den Anlagen. Doch die betroffenen Unternehmen sollen laut der Bundesnetzagentur keine Möglichkeit bekommen, sich gegen Beschränkungen zu wehren. Folgen sie den Anordnungen nicht, darf ihnen die Stromzufuhr gar ganz abgestellt werden. Es sind auch keine Entschädigungen für Betriebsausfälle vorgesehen.


Wer die deutsche Energiepolitik verfolgt, ist allerdings wenig überrascht. Schon seit mehreren Jahren gibt es Bemühungen, den Stromkonsum «flexibel» zu machen, sprich den Launen des Wetters anzupassen. Im Idealfall soll nur noch produziert werden, wenn die Sonne scheint und der Wind weht.


Denn in Deutschland fehlt je länger je mehr die Grundlast. Kraftwerke, die zuverlässigen Bandstrom liefern, gibt es immer weniger. Die Kernenergie, die einst bis zu 30 Prozent zur Stromversorgung beitrug, wurde 2023 endgültig aufgegeben. Alle 17 KKW des Landes befinden sich seither im Rückbau. Zudem geht der Ausstieg aus der Kohleverstromung zügig voran. Immer mehr Kohlekraftwerke werden stillgelegt. Das letzte soll spätestens 2038 dicht machen.


«Dümmste Energiepolitik der Welt»

Deutschland will seine Energieversorgung in Zukunft ausschliesslich mit Wind- und Solaranlagen gewährleisten. Inzwischen machen erneuerbare Quellen zwar mehr als die Hälfte der Stromproduktion aus. Doch das ist nur ein Durchschnittswert. Vor allem im Winter drohen Dunkelflauten. Das «Wall Street Journal» hat darum mit Blick auf Deutschland 2019 von der «dümmsten Energiepolitik der Welt» gesprochen.


Bereits 2024 versuchte der damalige grüne Energieminister Robert Habeck, die neuen Realitäten der deutschen Stromversorgung mit finanziellen Anreizen durchzusetzen. Er kündigte damals die Abschaffung des «Bandlast-Privilegs» an, mit dem Industriebetriebe, die gleichmässig Strom beziehen, deutlich weniger bezahlen. Rabatte sollte es künftig nur noch geben, wenn die Betriebe ihren Verbrauch bei Stromüberschüssen im Netz erhöhten und bei ungünstigem Wetter absenkten.


Das «Bandlast-Privileg» wurde zwar bis heute nicht gestrichen. Dennoch sind manche Industriebetriebe schon heute faktisch gezwungen, zu gewissen Zeiten ihre Produktion zu reduzieren – weil die Preise für Strom wegen Knappheit irrwitzige Höhen erreichen. So machten im Dezember 2024 die Giesserei Siempelkamp in Krefeld, der Metallbetrieb Anke in Essen und das Elektrostahlwerk Feralpi in Riesa ihre Werke während einer Dunkelflaute vorübergehend dicht, um nicht finanziell ruiniert zu werden. Die Strompreise waren auf 936 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Normal sind es etwa 40 Euro.


Auch in der Schweiz machen Stromlücken Bauchweh

Von Strombeschränkungen bei ungünstigem Wetter sind auch deutsche Haushalte betroffen. Seit Anfang 2024 gilt Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes – auch als «Abschalt-Paragraf» bezeichnet: Demnach dürfen Netzbetreiber die Stromzufuhr für den Betrieb von Wärmepumpen und das Aufladen der Batterien von Elektrofahrzeugen bei ungünstigen Wetterbedingungen drosseln. Dann heisst es also unter Umständen: frieren für die Energiewende.


In der Schweiz sind die Verhältnisse noch besser. Hier muss sich derzeit kein Industriebetrieb nach dem Wetter richten. Doch mögliche Stromlücken machen trotzdem Bauchweh. Schon vor fünf Jahren bekamen die Verteilnetzbetreiber die Aufforderung, insgesamt 30’000 Grossbezüger auf mögliche Strom-Kontingentierungen vorzubereiten. Gleichzeitig baut der Bund in aller Eile Notkraftwerke wie das in Birr, damit die Maschinen im Land nicht stillstehen.


Trotz der schlechten Erfahrungen in Deutschland läuft der Umbau auf erneuerbare Energien in der Schweiz auf Hochtouren. Wetten, dass auch hier bald die Sonne und der Wind den Takt der industriellen Produktion vorgeben?

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